DDR - Verschleppt im Auftrag der Stasi

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DDR - Verschleppt im Auftrag der Stasi

Beitragvon salech » 15.09.2009 22:37

Über 400 Westdeutsche wurden gewaltsam von der DDR verschleppt. In den Stasi-Akten findet man von den Geheimaktionen oft nur versteckte Hinweise. Jetzt beschreibt eine Studie erstmals systematisch den staatlich angeordneten Menschenraub.

Es klingt wie eine Szene aus einem Agententhriller: West-Berlin im Februar 1956. Der ehemalige SED-Funktionär und DDR-Flüchtling Robert Bialek möchte den Tag gemütlich in einer Kneipe ausklingen lassen. Er bestellt ein Bier, trinkt und fühlt sich mit einem Mal sehr unwohl. Als der 40-Jährige wieder zu sich kommt, befindet er sich in einem DDR-Gefängnis. Bialek ist ein Stasi-Entführungsopfer, wie es sie in den 50er-Jahren zu Hunderten gab. Eine Studie beschreibt nun erstmals systematisch, wie die DDR die Westdeutschen in ihre Gewalt brachte.

„Über 400 Verschleppungen von Regimekritikern oder DDR-Flüchtlingen sind dokumentiert, aber wahrscheinlich waren es noch mehr“, berichtet die Historikerin Susanne Muhlen. Die 29-Jährige hat den staatlich angeordneten Menschenraub für ihre Dissertation an der Wilhelms-Universität Münster untersucht. Nicht immer konnte sie die Fälle so eindeutig rekonstruieren wie den von Robert Bialek.

Da die Entführungspläne innerhalb des Ministeriums für Staatssicherheit streng vertraulich behandelt wurden, finden sich in den Stasi-Akten oft nur versteckte Hinweise. „Typisch sind zum Beispiel Protokolle über die Trinkgewohnheiten möglicher Betäubungsopfer“, erzählt Muhlen. Die Akten westdeutscher Ermittler zeigten häufig, dass genau diese Personen wenig später vermisst gemeldet wurden.

Betäubt und in den Osten gebracht

Betäubungen waren der Untersuchung zufolge zwar eine häufige, aber längst nicht die einzige Methode, mit der die Stasi politische Gegner in ihre Gewalt brachte. Manche Opfer wurden zusammengeschlagen, andere einfach über die damals noch nicht durch die Mauer gesicherte Grenze gezerrt. Viele verließen den Westen sogar freiwillig: „Mehr als die Hälfte der Entführten wurde mit Täuschungsmanövern in die DDR gelockt und dort festgenommen“, sagt Muhlen.

Kranke Angehörige, wichtige Geschäftstermine, Freunde, die dringend um ein Treffen baten – Muhlens Untersuchung zeigt den perfiden Einfallsreichtum der Stasi. Und die erschreckend große Unterstützung: Von Kleinkriminellen, die für ein paar Mark jeden Auftrag annahmen, bis hin zu Freunden der Opfer, die aus politischen Gründen kooperierten, gehörten die Helfer allen gesellschaftlichen Gruppen an, fand die Wissenschaftlerin heraus. „Die Zusammenarbeit mit Westdeutschen hatte für die Stasi den Vorteil, dass sie nicht so leicht als Urheber der Tat zu erkennen war“, sagt Muhlen.

Auch wenn die vermeintlichen Geheimaktionen in der Bundesrepublik alles andere als unbekannt waren und in der Öffentlichkeit sogar offen vor der Gefahr einer Verschleppung gewarnt wurde, distanzierte sich die DDR offiziell entschieden von den Taten. Der damit verbundene Imageschaden war wohl auch der Grund, warum die Entführungspläne Mitte der 60er-Jahre schließlich aufgegeben wurden, meint Muhlen: „Das passte nicht zum Bestreben um internationale Anerkennung.“

Die meisten Täter kamen ungeschoren davon

Die meisten Entführungsopfer wurden laut Studie zu Gefängnisstrafen verurteilt und konnten die DDR erst nach Jahren verlassen; einige wurden selbst nach ihrer Freilassung an der Ausreise gehindert. Zudem stieß Susanne Muhlen bei ihren Recherchen auf mehr als 20 Fälle, in denen die verschleppten Westdeutschen hingerichtet wurden.

Die Täter kamen dagegen meist ungeschoren davon: Nach der Wiedervereinigung waren viele Entführer bereits verstorben, anderen konnte die Tat niemals nachgewiesen werden. Insgesamt wurden laut Muhlen lediglich 13 Personen verurteilt. In allen Fällen blieb es bei Bewährungsstrafen.

Auch Robert Bialek gehört zu den Opfern, die niemals in den Westen zurückkehrten: Er starb wenige Tage nach seiner Entführung unter ungeklärten Umständen im Gefängnis. „Vermutlich eine Spätfolge des starken Betäubungsmittels“, sagt Muhlen.

jba/AP
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